Liebe Mitglieder und Freunde, hier ist er endlich, unser erster Newsletter! Erfahrt Informatives und Neues aus dem Vereinsleben sowie eine Reflexion über Neue Musik. Mit diesem Newsletter möchten wir an Jakob Hilpert erinnern, unseren Mitinitiator, Gründer und Vorstandsmitglied, dessen plötzlicher Tod uns alle tief getroffen hat. Jakob war nicht nur ein hochbegabter junger Musiker, Komponist und wahrer Freund, sondern auch die treibende Kraft unseres Vereins. |
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Seine Visionen, sein Engagement und seine Leidenschaft für die Neue Musik haben uns inspiriert und motiviert, den Verein zu gründen. Jakobs unermüdliche Arbeit beim Aufbau des Vereins, seine Ideen zur Organisation von Konzerten und Workshops sowie zur Förderung junger Musiker haben den Verein geprägt und auch in der schweren Zeit nach seinem Verlust zusammengehalten. Wir erinnern uns an die vielen Stunden, in denen er mit uns Ideen entwickelt und Projekte geplant hat. Sein Lachen und seine Begeisterung werden uns immer in Erinnerung bleiben. Seine Visionen und sein Engagement haben ein solides Fundament hingelassen und davon wollen wir berichten: Und was wäre dieser Newsletter ohne einen persönlichen Gedanken von Jakob zur Neuen Musik! Wir sind sicher, dass dieser seinen Weg über dieses Format zu Euch finden sollten. Lasst uns gemeinsam Jakobs Visionen lebendig halten und sein Engagement in unserem Verein weiterführen. Wir danken für Euer Interesse und Eure Unterstützung und freuen uns auf die kommenden Projekte, die wir auch in seinem Sinne umsetzen werden. Viel Freude beim Lesen. Herzliche Grüße - mal konsonant, mal dissonant! Max Grimm ContempoRaritäten - Begegnung mit Neuer Musik e.V. |
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Neue Musik: Ein Werkstatt -Tag mit Nachwirkungen! |
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Alle drei Jahre bietet der Jugendmusikwettbewerb „Jugend Musiziert" jungen Musikern die Gelegenheit, ihr Können auch in der Kategorie Neue Musik unter Beweis zu stellen: Einer Kategorie mit einer nur geringen Beteiligung in unserer Region, wie die beiden Schüler des Landesgymnasiums für Musik August Hermann Francke in Halle (Saale) - Jakob Hilpert und Max Grimm - fanden, und dies ändern wollten. |
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In Gesprächen mit ihrer Klavierpädagogin, Prof. Ragna Schirmer, die auch als Künstlerin für ihre innovativen Konzertformate bekannt ist, entstand die Idee: Warum nicht den am Wettbewerb beteiligten jungen Musikern bei ihren Vorbereitungen auf den Wettbewerb unterstützen und gleichzeitig das Interesse an der Neuen Musik wecken? Mit dieser Vision im Hinterkopf wurde das Projekt des Werkstatt-Tages „ContempoRaritäten" geboren. Fachkundige Unterstützung sollte es von den Komponisten Franz Kaern-Biederstedt und René Hirschfeld geben, deren Stücke beim Musikwettbewerb erklingen sollten. Ort und Zeit waren dann schnell gefunden und am 03.03.2023 war es so weit. Mit einem historischen Abriss und musiktheoretischen Vergleichen wurde ein Einblick in die hohe Komplexität und kognitiven Herausforderungen des Genres gegeben. Den Referenten gelang es zu überzeugen, sich von Hörgewohnheiten und Erwartungshaltungen der tonalen Musik zu lösen und vielmehr auf Klangfarben und -bewegungen aber auch rhythmischen Verschiebungen zu achten. In dem sich anschließenden Meisterkurs erhielten die Teilnehmer wertvolle Anregungen zur komplexen und unkonventionellen Aufführungspraxis, die sie in einem bis auf den letzten Platz besetzten Abschlusskonzert mit Begeisterung umsetzen. Noch lange wurden Erfahrungen und Emotionen ausgetauscht. Auch der MDR begleitete die Veranstaltung und berichtete darüber. (Die Audiodatei findet ihr auf unserer Homepage). Unter dem Eindruck des großen Interesses und einer überaus positiven Resonanz entstand die Idee, dieses Format fortzuführen und weitere Veranstaltungen zur Förderung der Neuen Musik zu planen. Die drei Initiatoren begannen bei Freunden und Bekannten, um Unterstützung für die Gründung eines Vereins zu werben. Es fanden sich engagierte Musiker, Komponisten und weitere Interessierte, die die Vision teilten. Der Verein wurde im April 2024 gegründet. Seitdem konnten wir weitere Mitglieder gewinnen. Mit viel Engagement und Ideen sind wir gerade dabei, unser erstes Konzert zu planen, das nun knapp ein Jahr nach unserer Gründung stattfinden soll. Wir sind voller Vorfreude und hoffen auf reges Interesse. Wer weiß, vielleicht können wir den einen oder anderen begeistern, Teil unserer musikalischen Gemeinschaft zu werden! |
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Ein Klavier – ein Klavier! |
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Im Sommer 2024, wir waren noch mit jeder Menge administrativer und organisatorischer Aufgaben ausgelastet, wurde uns von einer Hallenser Familie ein Blüthner-Konzertflügel angeboten. Dieser fristete nach dem Auszug ihrer musikalischen Kinder nur noch ein stilles Dasein. Er sollte wieder und bestenfalls in einem öffentlichen Rahmen erklingen. |
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In unserer ersten Euphorie sahen wir den Flügel als Mittelpunkt kommender Projekte. Nur, wo sollte dieser Riese stehen? Unser Verein hat keine eigenen Räume und ein Konzertflügel braucht nicht nur Pflege, sondern vor allem einen passenden Ort, an dem er dauerhaft stehen und erklingen kann. Wir rangen um eine geeignete Lösung. Unsere einzige Idee hierfür war eine Kooperation! Allen voran bemühte sich unser Vorstand Jakob Hilpert, einen Partner zu finden. Auf Anraten unserer Vereinsfreundin, der Pianistin Ragna Schirmer, die mit den regionalen Konzertmöglichkeiten bestens betraut ist, nahm Jakob Kontakt zum Förderkreis Nikolaikirche Wettin e.V. auf. Dieser hatte sich nicht nur um den Aufbau der mittelalterlichen Kirche bemüht, sondern ist heute u.a. Veranstalter von Konzerten…leider ohne geeigneten Flügel. Die handelnden Personen konnten schnell von der Idee einer Kooperation überzeugt werden. Die Rahmenbedingungen wurden ausgehandelt und Verträge geschlossen. Wir träumten schon von einer festlichen Flügelweihe im Rahmen unseres ersten Vereinskonzertes. Bis dahin gab es jedoch noch einiges zu organisieren und dann sollte es an die Planung unseres ersten Konzertes gehen. Ende August 2024 wurde der Flügeltransport organisiert. Jakob durfte diesen leider nicht mehr erleben. Erst im Oktober 2024 fand dieser in Stille und Wehmut statt. Der Flügel steht nun an einem wunderbaren Ort inmitten von Geschichte und Moderne. Er darf nun Klang und Leben entfalten, wieder regelmäßig erklingen und viele Menschen erfreuen. Der Förderkreis Nikolaikirche Wettin e.V. wird ihn pflegen und warten. Und wir dürfen die wunderschönen Räume nutzen. Danke Jakob für Dein großes Engagement – Du hast einen wertvollen Rahmen für zukünftige Projekte geschaffen. Und natürlich möchten wir der Hallenser Familie, die namentlich nicht genannt werden möchte, für die überaus großzügige Spende und das große Vertrauen in unseren noch jungen Verein danken und hoffen, dass wir mit unserer Partnerschaft der gewünschten Bestimmung des Instrumentes gerecht werden können. Zu guter Letzt danken wir dem Förderkreis Nikolaikirche e.V. für die Aufnahme des Flügels und dessen Pflege. Wir hoffen auf eine fruchtbare Zusammenarbeit. |
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Flügelweihe und Gedenkkonzert - Erstes Konzert am 6. April 2025 Unser erstes Konzert sollte nicht nur unseren neuen Konzertflügel feiern, sondern auch den Beginn einer besonderen musikalischen Reise für unseren Verein markieren. Jakob darf diesem Moment nicht mehr erleben. |
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Wir sind uns einig, dass dieses Konzert mehr sein soll als eine Flügelweihe. Es wird unser Dank an Jakob, unser Gedenken an ihn und unser Versprechen, seine Leidenschaft für die Musik weiterzutragen. Wir wollen aber auch den vielen Spendern für die zahlreichen Geldzuwendungen und vor allem seinen Eltern danken, die uns und das Werk von Jakob großzügig unterstützen. Lasst uns gemeinsam choralen und instrumentalen Kompositionen von Jakob lauschen, ebenso wie seinen Lieblingsstücken, die prägend waren. Jakobs Genius hatte auch eine lyrische Seite und von der dürft Ihr Euch überraschen lassen. Schon jetzt laden wir zu unserem Konzert am 06. April 2025 15.00 Uhr in die Nikolaikirche Wettin ein. Lasst uns staunen, genießen und gemeinsam bei Kaffee und Kuchen erinnern. Wir laden alle Freunde, Bekannte und Weggefährten von Jakob ein, uns Fotos von oder mit ihm zur Verfügung zu stellen, die ihn zeigen wie er war und die uns an die gemeinsame Zeit erinnern. Schickt diese bitte möglichst bis zum 31. März 2025 an info@contemporaritaeten.de. Für eine bessere Planbarkeit würden wir uns über eine Voranmeldung zum Konzert unter diesem Link (kostenfrei) freuen. |
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„Aufhören!“ Über die Bedeutung von Musikvermittlung für das Musik-Erleben von Jakob Hilpert, August 2024 Das Wochenende vom 11./12. Mai 2024 ist eines, an das ich heute noch regelmäßig zurückdenke. Nicht bloß, weil ich am Samstag, dem 11., nochmal ein größeres Konzert als Pianist gespielt habe – etwas, was zu diesem Zeitpunkt in meiner Karriere zwischen Mathematikstudium und Ambitionen als Komponist schon ziemlich selten geworden war. Und auch nicht nur, weil ich dieses Konzert mit meinen lieben Freunden und langjährigen Kammermusik-Partnern Kira und Max bestritt. Ich denke auch an meinen sehr frühen Aufbruch aus Berlin; ich sah am Sonntagmorgen die Sonne über dem Fernsehturm aufgehen, als ich vor dem Hotel auf die Straßenbahn wartete. Normalerweise bin ich Langschläfer. Es musste also einen besonderen Grund geben, mich so früh aus dem Bett zu treiben. Ich hatte Konzertkarten für jenen Sonntag in Köln. Die Kölner Philharmonie fühlte sich zu diesem Zeitpunkt bereits wie ein zweites (oder drittes) Zuhause an neben meiner neuen Bonner Heimat, so oft war ich jeden Monat da. Und doch war dieses Konzert besonders. An diesem Tag wurde nur Neue Musik gespielt: vier Komponisten, vier Stücke für großes Orchester, zwei Uraufführungen, und natürlich waren die Komponisten selbst bei diesem (auch für sie besonderen) Konzert zugegen. Zu diesem Zeitpunkt konnte man mich schon ein bisschen als Fan von Enno Poppe bezeichnen, dem Porträtkomponisten des Acht-Brücken-Festivals, dessen Abschlusskonzert ich besuchte. Auch Arnulf Herrmanns Stück interessierte mich sehr, hatte ich ihn erst einen Monat zuvor bei einem Kompositionskurs kennengelernt. Die Idee unseres Vereins war es nicht bloß, Neue Musik zu pflegen, zu spielen, nach Mitteldeutschland zu holen, sondern auch – und das ist ein höheres und ungleich anspruchsvolleres Ziel – sie zu vermitteln. Wir wollen sie mehr Menschen nahebringen, Berührungsängste nehmen mit dem Atonalen, dem Kratzen und dem Klopfen; schlicht die Schönheit des vermeintlich Unschönen aufzeigen. Und da muss man kreativ werden. Die härteste Arbeit ist es, Leute überhaupt erst dazu zu bringen, in ein Konzert mit Neuer Musik zu gehen. Deshalb spielen große Orchester Zeitgenössisches wenn überhaupt meist in der ersten Konzerthälfte, damit die Leute nicht in der Pause schon nach Hause gehen. Deshalb gibt es kaum reine Neue-Musik-Formate; zumindest bei den großen Orchestern, die eine Elbphilharmonie oder ein Gewandhaus mit 2000 Leuten vollkriegen wollen, ist Neue Musik bestenfalls Beiwerk, niemals gleichberechtigt. Und doch gibt es sie, vergleichsweise selten, ganz unscheinbar und unbekannt bei den meisten Menschen, die klassische Musik hören: reine Neue-Musik-Formate. Meistens sind es Festivals in Metropolen oder umgekehrt in überraschend kleinen Städten. Darmstadt, Witten, Donaueschingen – ich möchte beinahe sagen: Städtchen, die aber durch jahrzehntelange Tradition zu Zentren des Diskurses wurden. Und wenn man bei solchen Gelegenheiten ist, wo tatsächlich viele Leute kommen, die sich offenbar alle für Neue Musik interessieren, oder zumindest offen fürs Ausprobieren sind, dann muss man die Leute bei der Stange halten! Musikvermittlung – ein Wort, das für mich immer ein bisschen nach Hilferuf klingt. Wie gebe ich Menschen Zugang, die wenig Erfahrung mit jener Musik haben? Wie mache ich interessant, was eigentlich eine zweistündige wissenschaftliche Analyse braucht, um in Ansätzen verstanden zu werden? Was hat mich selbst eigentlich fasziniert, als ich mich das erste Mal mit dieser Musik beschäftigt habe? Manche Moderatoren, nicht nur bei Neuer Musik, erzählen gerne Anekdoten. Und bei den alten Komponisten, über die inzwischen mehr Fantasie als Biografie in den Köpfen kursiert, ist das auch interessant. Aber was sage ich über einen Komponisten, der noch lebt? „Er hat in Karlsruhe bei Rihm studiert, einen Wettbewerb gewonnen, den Auftrag vom WDR bekommen, was geschrieben, hier ist das Stück. – In seiner Freizeit spielt er Schach.“ Spannend. Man kann auch über die Musik reden, statt über den Komponisten. „Sie unternimmt in ihrem Stück den Versuch, die Teilchenbewegung im Modell idealer Gase mittels stochastischer Prozesse in Töne zu setzen.“ Puh… Manchmal ist es wirklich schwierig. Und so bleibt meist nichts Verständliches übrig als der Titel. Und auf den wird sich mit aller Macht gestürzt. Doof nur, dass der Titel nichts mit der Kunst zu tun hat. So wie „Sonate“ bei Beethoven noch recht wenig über die konkrete Gestalt aussagte (zwei Sätze, drei Sätze, vier Sätze; lustig, dramatisch, todtraurig), ist es mit „Augen“ bei Enno Poppe nicht viel besser. Da gibt „manische Episode“ von Arnulf Herrmann schon konkretere Assoziationsmöglichkeiten. Ist „Augen“ deshalb aber ein schlechterer Titel, weil er uns weniger verrät, weniger Anhaltspunkte für den Moderator gibt? Nein. Kunst ist Kunst, weil sie vom Diskurs lebt, von der Auseinandersetzung, nicht weil sie sofort verstanden wird – im Gegenteil! Sonst wäre Taylor Swift ja die höchste Kunst, mit eindeutigen Lyrics und eingängiger Produktion. Und so muss ein Titel nichts verraten und ein Musikvermittler eigentlich auch nichts vermitteln – weshalb Enno Poppe zu Recht den Moderator in der Kölner Philharmonie unterbricht, wenn er bei dessen unangenehmen humoristischen Versuchen einer Interpretation des Titels von ganz hinten durch die 2.000-Menschen-Halle ruft: „Aufhören! AUFHÖREN!!!“ Musik muss man einfach hören, genau zuhören, offen dafür sein, keine konkreten Erwartungen haben. Und ja, ein Musikvermittler soll natürlich Musik vermitteln, aber muss ein Zitronenfalter auch jede Zitrone falten? |
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